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Die Engel von Sidi Moumen

Der Titel weckt Assoziationen zu religiösen Schriften, deshalb habe ich es nur zögerlich in die Hand genommen.  Dass der Autor, Mahe Binebine, Marokkaner ist, der 1959 in Marrakesch geboren wurde, hat mich dagegen interessiert. Wieso schreibt ein Islamist über Engel? Gibt es im Islam denn überhaupt Engel?

Marokko, das Land, das ich auf einer Rundreise vor einigen Wochen kennen gelernt habe. In Marrakesch, der roten Stadt, habe ich viele schöne Stunden verbracht. Ich bin durch die Medina gestreift, habe gehandelt, was mir immer großen Spaß macht und habe den Gauklern auf dem Platz Djemaa el Fna zugesehen.

Beim Lesen der ersten Zeilen war klar, dass das Buch keine Geschichte über Engel, wie wir sie kennen, ist. Es ist eine Geschichte mit einem realen Hintergrund. 2003 sprengten sich Selbstmordattentäter in verschiedenen Einrichtungen in Casablanca in die Luft und rissen viele unschuldige Menschen mit in den Tod.

Mahi Binebine gilt er als bekanntester Maler Marokkos, seine Bilder hängen u.a. im New Yorker Guggenheim-Museum. Sein schriftstellerisches Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt und u.a. mit dem Prix de l’Amitié Franco-Arabe ausgezeichnet.

In dem Roman ‚Die Engel von Sidi Moumen‘ erzählt er aus der Perspektive eines Jungen, der im Elendsviertel am Rande von Marrakesch neben der Mülldeponie heranwächst und zusammen mit seinen Freunden zum Selbstmordattentäter wird.

Das Thema hat mich beschäftigt und nicht mehr losgelassen. Tagelang habe ich das Buch auf dem Nachttisch liegen gehabt und übersehen. Als ich es dann doch in die Hand nahm, war ich überrascht einen Jungen zu treffen, der trotz der erbärmlichen Lebensumstände sagt: „Ja, es gab Momente, da war ich glücklich. Sogar in Sidi Moumen!“ Die Mutter Jamma verbietet den Jungen das Wühlen nach Verwertbarem auf der Deponie und straft sie hart dafür, aber sie sorgt auch dafür, dass sie sich täglich waschen und versucht Jaschin, wie der Junge heißt, und seine Brüder satt zu bekommen. Jaschin wird von seinem älteren Bruder Hamid beschützt und im Fußball will er seinem Namensvetter, dem berühmten russischen Torhüter Lew Jaschin nacheifern. Der Fußball und die Clique sind der Halt der Jungen, die versuchen mit Gelegenheitsarbeiten eine Perspektive zu bekommen.

Ich habe noch nicht weiter gelesen, aber das Buch sieht mich täglich an. Wie kann aus diesen Jungen, die doch ihre Mutter, ihre Geschwister und Freunde lieben, Attentäter werden?

Sobald ich es weiß, werde ich es euch erzählen. Eigentlich müssten dieses Buch Sozialarbeiter oder Kirchenräte lesen, um zu erkennen, was getan werden muss, dass so etwas nicht wieder passiert. Andererseits wissen wir doch alle, was not tut. Schule, Arbeit, menschenwürdiges Wohnen und Verständnis für Andersdenkende. Aber es passiert und passiert immer wieder. Aber so muss es nicht bleiben.

 

 

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